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Momentaufnahme: Woran erkennt man Fantasyromane?

Manchmal sind die Grenzen in Romanen nicht ganz eindeutig. Jedenfalls die Genre-Grenzen. Ich lese viel Fantasyromane, Jugendbücher und historische Romane. Bei den Geschichten der ersten beiden Kategorien ist es oft ganz klar, dass der Plot in einer ausgedachten und phantastischen Welt spielt. Ob Zukunftsvisionen, fremde Planeten oder mystische Geschöpfe – der Autor/die Autorin fordert von den Lesern deren ganze Vorstellungskraft.
Bei historischen Romane ist es schon eine ganz andere Sache. Auch wenn viele Romane den Anschein an einer allwissenden Historizität erwecken, kann dies jedoch niemals den Tatsachen entsprechen. Ja, ein Niemals ist ein hartes Wort, doch ich erkläre euch wieso ich es benutze.

Vor etwa zwei Wochen las ich in einem Blogbeitrag eine Rezension über Die Nebel von Avalon von Marion Zimmer Bradley. Die Autorin der Rezension pries dieses Buch als historischen Roman an, was mir (als ich das Buch mit 14 Jahren las) und vielen vielen anderen Leuten sicherlich auch passiert wäre. Ich wies sie darauf hin, dass es sich bei der Trilogie um König Arthur und die Tafelrunde um eine phantastische Geschichte handeln würde, worauf sie mich fragte woran in das erkennen würde, denn in der Geschichte kämen keine Orks oder Drachen vor.

Ich finde es gar nicht so schlimm, dass die Buch-Bloggerin eine falsche Kategorie wählte und Arthur zu einer historischen Figur machte, denn er ist es in gewisser Weise ja auch. Und dieser Gedanke bracht mich zu der Frage warum ein historischer Roman kein Fantasy-Roman ist? Denn wenn ich weiter darüber nachdenke, ist ein historischer Roman nichts weiter als Fiktion. Nun, nicht gänzlich, denn Jahre, Namen, Erlebnisse fußen auf Forschungsergebnissen der Geisteswissenschaften. Doch gerade diese Ergebnisse werden aktuell noch weiter erforscht, sind also oft nicht das Ende der Erkenntnisse und stellen sich oft sogar als falsch heraus. Und wie sich in der Geschichte der Geschichtswissenschften es schon oft geschehen ist, können durch die kleinsten und unbedeutensten Ergebnisse ganze Welten zusammen brechen oder umstrukturiert werden.

Unser heutiger Wissenstand ist durch harte Arbeit zu dem geworden, was sie heute ist. Seit Generationen arbeiten Historiker, Archäologen, Kunsthistoriker, Ethnologen und viele viele andere Wissenschaftler daran unserer Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Durch Diskussionen, Verlgeiche und mutigen Ideen sind wir schon einen großen Schritt voran gekommen, doch oft wurde auch übertrieben und eigene Ideen und Ansichten als die absolute Wahrheit verkauft. Es ist so schwer, nicht nur für einen Laien, die Wahrheit von den Überzeugungen anderer zu filtern. Denn was ist in der Geschichtswissenschaft schon ‚Wahrheit‘? Nicht nur Historiker kämpfen täglich mit den eigenen Fragen, Überzeugungen und Wünschen und übersehen dabei oft, dass es sich um eine rein hypothetische Welt handelt, voll Interpretationen und Glaubensvorstellungen.

Wenn ich nun einen historischen Roman lese, der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht und versucht die Ergebnisse in eine geordnete Reihenfolge zu bringen, lese ich durchaus einen Fantasyroman. Denn was zwischen diesen Fakten existierte, liegt in einem undurchdringlichen Nebel. Da kann ein Autor ein noch so guten historischen Roman schreiben, er wird niemals ein Geschichtsbuch oder ein geisteswissenschaftliches Studium ersetzen können. Er dient der Unterhaltung, auch wenn er gut recherchiert ist.

Einige Autoren können diese Informationen so gut verpacken, dass sogar ausgebildete Geschichtswissenschaftler an der Nase herum gefürhrt werden. Da gibt es zum Beispiel Der Name der Rose von Umberto Eco oder ganz neu Regeln für einen Ritter von Ethan Hawke. Marion Zimmer Bradley schuf mit der Trilogie um die Nebel von Avalon ein so mitreißenden Roman, dass nicht nur die Verwirrung um die historischen Ereignisse vergessen ist, sie schuf für eine ganze Generation eine neue Art der Göttinninverehrung. Viele neopagane Vereinigungen und Zirkel bildeten sich nach der Veröffentlichung und es wurden einige kulturrelle Handlungen der Romane übernommen und andere als wahre traditionelle Riten gehalten. Auch mir brachte sie die pagane Welt näher, da ich vorher kaum von deren Existenz wusste.

Es gibt noch unzählige andere Autoren, die es schaffen mit ihrem Stil den Leser so zu bändigen, dass Fiktion kaum mehr von der ‚Wahrheit‘ unterschieden werden kann. Für mich liegt der große Unterschied zwischen einem Fantasyroman und einem historischen Roman zwischen der Nutzung der geschichtswissenschaftlichen Fakten. Nicht jede Arthur-Erzählung ist ein Fantasyroman, nicht jede Wikingergeschichte ist ein historischer Roman. Beides kann gut oder schlecht recherchiert sein, beides kann der einen oder anderen Gattung angehören und es muss nicht immer sofort erkenntlich sein. Seid wachsam, macht die Augen auf beim Lesen, seid kritisch und lasst euch keinen Bären aufbinden, auch wenn der Autor evtl. ein Professor ist, Preise gewonnen hat oder auf irgendeiner Lister steht.

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5 Kommentare zu „Momentaufnahme: Woran erkennt man Fantasyromane?

  1. Super Artikel. Mir ist das schon so oft passiert, dass ich etwas gelesen habe und glaubte, es sei Geschichte… Manchmal macht man sich dann mit seinen „Weisheiten“ daraus dann ganz schön zum Depp

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  2. Deine Einordnung gefällt mir sehr gut 🙂
    Ich mag besonders die Bücher mit historischem Hintergrund, in denen der Autor/die Autorin am Ende noch erklärt, was historisch belegt ist und was der Dramatik des Romans geschuldet ist.

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      1. Genau, wenn es erwähnt wird, habe ich auch kein Problem damit. Im Gegenteil! Diese Sachen prägen sich mir dann besonders gut ein ^^

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