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Der Notar von Avignon

Der junge Notar Raymond Maillot lebt im  Avingnon des frühen 13. Jahrhunderts. Er liebt das Leben und die Frauen und ist auch dem Alkohol nicht abgeneigt, bis er auf den Dominikaner Pater Amiel de Semur trifft. Zusammen jagen sie einen ganz besonderen Mörder, der einen ganz besonderen Mord begangen hat und kommen dabei sogar mit ketzerischem Aberglauben in Berührung.

Die Reise des Raymond beschränkt sich nicht nur auf seinen Arbeitsplatz. Nicht nur hilft er dem Dominikaner bei den Verhören der Verdächtigen, sondern es ist auch im Gespräch, dass der Tote durch Zauberei ermordet wurde. Denn dem Toten Schatzmeister fehlen die männlichen Genitalien, niemand hat den Raum betreten oder verlassen und alle Bediensteten schliefen. Dazu kommt, dass im 13. Jahrhundert die Ketzerverfolgung in Gang kommt und immer mehr Inquisitoren auf der Bildfläche erscheinen. Natürlich muss dieser Fall auf übernatürliche Vorgänge überprüft werden.

Gleichzeitig erlebt der Protagonist seine eigene Verwandlung: aus einem Trunkenbold und Weiberheld wird ein gottesfürchtiger und arbeitswilliger Notar. Raymond kämpft im Laufe der Geschichte mit seiner Vergangenheit und den ganzen Sünden, mit deren Konsequenzen er schlussendlich leben muss.

Doch das Ende ist anders als erwartet. Kurz vor Schluss gibt es eine abrupte Wendung, die die ganze Geschichte in einem anderen Licht erscheinen lässt. Zwischendurch wird der Leser genauso verwirrt, wie es Raymond gewesen sein muss; man kann kaum zwischen Freund und Feind unterscheiden. Doch der Protagonist hat ein gutes Herz, ist mitfühlend und freundlich und findet ganz am Ende seine Bestimmung.

Blick auf den Papstpalast, etwa 1617 (nach einer Zeichnung von Étienne Martellange). Quelle

Großartig finde ich an diesem Buch, dass die Erzählperspektive eine ganz andere ist, als erwartet. Raymond erzählt einem offensichtlich weiblichen Publikum seine Geschichte. Immer wieder gibt es Zwischensequenzen, in denen er (die) Frauen anspricht und es ist so gestaltet, dass er sogar Antworten auf imaginäre Fragen  und Kommentare gibt. Damit greift die Autorin eine typisch mittelalterliche Erzähltradition auf (wie z. B. bei Parzival)  und setzt diese auch noch vorzüglich um.

Da ich vor kurzem selbst echte (es sind nur noch transkribierte Exemplare vorhanden) Ketzerverhöre gelesen habe und auch deren Wortlaut und Fragen mir noch im Gedächtnis sind, kann ich sagen, dass die Autorin sich wirklich Mühe gegeben hat. Namen von Dämonen, Hilfsmittel und Vorgehen, sowie Denkweisen der Ketzer sind sehr detailliert und genau dargestellt. Auch Freunde der Diplomatik und der lateinischen Sprache kommen auf ihre Kosten. Insgesamt konnte ich sehr aus meinem Geschichtsstudium profitieren.

Ansonsten fand ich den Roman sehr spannend, mit schnellen und langsameren Passagen, mit emotionaler Verbundenheit und Unverständnis, mit erotischen und besinnlichen Momenten. Die Dialoge sind scharfzüngig, reißend, witzig und oftmals sehr plastisch. Das Buch ist einfach nur fesselnd und regt auch im Nachhinein zum Nachdenken an. Leider kommt das Ende sehr abrupt. Dies ist zum einen nachvollziehbar aus der Sicht des Raymond, der die für sich schlimmen Erinnerungen nur noch zusammenfassend Vorträgt, zum anderen aber hätte ich gerne noch mehr über den Täter erfahren.

Alles in Allem, ein sehr gelungenes Werk.


Für alle, die sich für Ketzerverhöre des Spätmittelalters interessieren, hier ein paar Links und Lesevorschläge:

Christoph Auffahrt: Die Ketzer. Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen, 2005.

Herbert Grundmann: Ketzerverhöre des Spätmittelalters als quellenkritisches Problem, 1965.

Emmanuel Le Roy Ladurie: Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor. 1294-1324, Digitale Vollversion, 1975.

Lothar Kolmer, Ad capiendas vulpes: Die Ketzerbekämpfung in Südfrankreich in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts und die Ausbildung des Inquisitionsverfahrens (Pariser Historische Studien 19), Bonn 1982

Malcolm D. Lambert: Ketzer im Mittelalter, Darmstadt 2001

 

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