Buch · Rezension

Gastbeitrag: Jürgen Sarnowsky: Die Erkundung der Welt

Heute wollen wir euch einen Kollegen vorstellen, der so nett war für uns eine Rezension zu schreiben. Gleichzeitig wollen wir darauf hinweisen, dass jeder, der gerne einen Beitrag zum passenden Thema schreiben möchte, sich bei uns melden kann! Also macht es wie Ulli und schickt uns eure Beiträge.



Wann begann die Erkundung der Welt durch die Europäer? Diese Frage lässt sich ganz unterschiedlich beantworten. Von der Antike bis heute waren und sind Entdecker in der Welt unterwegs.

Jürgen Sarnowsky beginnt seine Erzählung von der Erkundung der Welt im späten Mittelalter. Einer, entgegen allen Vorurteilen, sehr reisefreudigen Zeit in Nordeuropa und dem Mittelmeerraum. Seinen Fokus legt er auf die maritimen Fahrten. Er will explizit nicht einzelne Expeditionen oder Routen detailliert beschreiben, sondern einen umfassenden Überblick über die Erkundung der Welt außerhalb Europas geben. Auf seinen rund 230 Seiten gelingt es ihm durchweg die Verbindung zwischen den einzelnen Schiffsreisen und den politischen Entwicklungen in Europa zu halten. Erfolg und Niedergang von Erkundungsvorhaben und entstehenden Handelsbeziehungen skizziert er und lässt dabei ein Muster des interkulturellen Missverstehens – insbesondere durch den steten Missionierungsauftrag der Europäer – erkennen.
Das Buch gliedert sich in die einzelnen Phasen und Regionen der Welterkundung, wobei Sarnowsky die sich wandelnden Interessen der Europäer und ihr Verständnis für die anderen Kulturen hervorhebt.

Bei der Vielzahl von Fahrten, Flotten und Routen, die sich stellenweise wie ein Kreuzfahrtplan lesen, entwickelt sich für den Leser ein phasenweise kaum zu überblickender Strudel aus Entdeckern, Schiffsnamen, Fahrten und auf Macht und Schätze orientierten Königshäusern des heutigen Spanien und Portugals. Schnell gerät der Blick für die Zeitspannen und den kostspieligen Aufwand der Fahrten in Vergessenheit.

Die Karte des Kolumbus um 1490. Quelle

Wenn er ungefähre Besatzungszahlen für einen Schiffsverband angibt, aber weitere finanzielle und organisatorische Details nur für ausgewählte Expeditionen erwähnt, wünscht man sich stellenweise mehr Beschreibung, um ein Verständnis für den Aufwand dieser ungewissen Unterfangen zu entwickeln.

Seine Quellen sind jedoch ausführlich und detailliert, neben angemessenen Anmerkungen im Text bietet der Anhang einen gut gestalteten und ebenso umfassenden Einblick in zeitliche Entwicklungen, Literatur und Quellen sowie ein ausführliches Personen- und Ortsregister.

Christoph Kolumbus, posthumes Porträt von Sebastiano del Piombo, um 1519. Quelle

Sarnowsky widmet sich selbstverständlich den bekannten Entdeckern und Seefahrern wie Marco Polo, Vasco da Gama, Amerigo Vespucci, Kolumbus, Magellan und James Cook. Ebenso detailreich und spannend erzählt er von den unbekannteren Unternehmungen und ihre Bedeutung für die Suche nach dem Seeweg nach Indien. Er schildert quellennah den Umgang mit anderen Kulturen, zwischen Unterwerfung für die europäischen Königshäuser oder blutigster Vernichtung.

James Cook, Porträt von Nathaniel Dance-Holland, 1776, National Maritime Museum. Quelle

Leider fasst er die Reisen von James Cook sehr knapp ab. Dieser erreichte als erster sowohl das arktische wie antarktische Eis und erschloss große Teile der pazifischen Südsee (Cook-Inseln, Neuseeland, u.a.) und der Westküste Nordamerikas.

Abgerundet wird sein Werk von Berichten auf die Rückbesinnung auf das alte China, die dortige Ansiedlung der Jesuiten sowie das Entstehen von festen Handelsbeziehungen. Einen Einblick in die Forschungsarbeit, die der Erkundung folgt, gibt er durch verschiedenste Reiseberichte und insbesondere durch einen Fokus auf die Arbeit Alexander von Humboldts.

Für die wissenschaftliche Debatte „Warum Europa?“ über den Sonderweg der europäischen Entwicklung liefert Sarnowsky einen straffen Überblick zur Erschließung der Erdteile und dem Vorgehen durch die Königreicher des damaligen Westeuropa.

Ein Buch für alle abenteuerhungrigen, die sich von den Berichten aus fernen Ländern anstecken lassen und aus dem Mittelalter ausziehen wollen, um neue Welten zu entdecken.

Ulli Reichardt

AO-NANG (3)
Für alle Fernwehleidenden: Ein Südseetraum, Quelle: Ulli Reichardt.

Jürgen Sarnowsky: Die Erkundung der Welt: Die großen Entdeckungsreisen von Marco Polo bis Humboldt, erschienen im C.H.Beck-Verlag: 2015, 244 Seiten.

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