Buch · Rezension

Kristin Skottki: Christen, Muslime und der Erste Kreuzzug

Zu unserer Begeisterung hat uns der Waxmann-Verlag gefragt, ob wir eine Rezension zu einem neu erschienenen  Fachbuch schreiben wollen. Natürlich sagten wir zu, denn der Titel versprach genau die Themen, mit denen wir uns gerne beschäftigen: mittelalterliche und moderne Historiographie.

Kristin Skottki studierte, arbeitete und promovierte an der Universität Rostock. Da sie sich ausreichend in Geschichtswissenschaften und Kirchengeschichte ausgezeichnet hat und sich eingehend mit Rezeptionsgeschichte und Historiographie beschäftigte, war es nicht verwunderlich, keine typische historische Monographie vorzufinden.

Da wir vom quâtspreche zu dritt sind und gerne alle die Rezension schreiben wollten, haben wir uns dazu entschlossen, dieses Projekt auf eine etwas andere Art anzugehen. Jede von uns hat sich diesen 556 Seiten starken Band für eine gewisse Zeit vorgenommen. Da wir mit keiner bestimmten Fragestellung herangegangen sind (was in der Forschung normalerweise üblich ist), gestaltete sich das Lesen zuerst als schwierig. Welche Kapitel liest man zuerst? Interessiert mich ein Punkt im Inhalt besonders/persönlich? Doch schon nach dem Lesen der Einleitung war klar, dass die Publikation von Kristin Skottki etwas ganz Besonderes ist.

Keine Sorge, wir kommen alle zu Wort! Hier unsere Eindrücke:


Lisa findet, dass das ausführliche Inhaltsverzeichnis zugleich Auskunft darüber gibt, wie intensiv sich Kristin Skottki mit dem Thema des Ersten Kreuzzugs auseinandergesetzt hat.
Die Einleitung macht klar, dass sie sich nicht nur auf das historische Thema gestürzt hat, sondern auch tagesaktuelle Themen mit einfließen lässt. Offenbar ist das Thema des Kreuzzugs und der Streitigkeiten verschiedener Kulturen und Religionen untereinander seit über 800 Jahren noch nicht abgeschlossen.
Außerdem macht sie darauf aufmerksam, dass sich gerade im Kontext viele Wörter im Laufe der Zeit verändert haben und dadurch viele Missverständnisse entstehen. Historische Texte sollten nicht nur mit unserem heutigen Verständnis gelesen werden, sondern es sollte immer darüber nachgedacht werden, wie sich die Bedeutung einiger Worte geändert haben (könnte).
Kristin Skottki geht sehr offen mit diesem Thema um. Eigentlich geht sie mit jedem Thema sehr offen und direkt um.
Sie weist außerdem auf wichtige Fehler in der Forschung hin, die teilweise sehr normal für die Geisteswissenschaften geworden sind. Gerade weil sie festgefahrene Arbeitsweisen anspricht, ist dieses Buch eine unbedingte Lektüre für Studienanfänger – und natürlich auch für die Profis, die auf diese Weise ihre Arbeit überdenken könnten.
Anhand des Ersten Kreuzzugs und dessen aufgearbeitete Forschung erklärt sie eine idealisierte Vorgehensweise und mahnt dazu, dass die Forschung eventuell zu tiefgründige Ansätze von Interpretationen verfolgt. Manchmal ist eben weniger mehr.
Zum Schluss erinnert Kristin Skottki daran, wieso die Geschichtswissenschaften so wichtig für unsere Gesellschaft sind. Sie helfen dabei, uns und unsere Geschichte besser zu verstehen, und ein wenig mehr Sorgfalt im Umgang damit würde uns guttun.
“Die (Wieder-)Entdeckung des fremdgewordenen Eigenen im Mittelalter könnte demnach zu verstehen helfen, warum sich die Mittelalterbilder des Moderne zu vielschichtig und widersprüchlich darstellen: Die unleugbare Verwurzelung des modernen Europas in der mittelalterlichen Geschichte fordert deshalb offenbar immer wieder dazu heraus, sich zu diesem Ursprung, zu diesem Herkunftsort zu positionieren.” (S. 493)


Sissie ergänzt dazu, dass Skottki sich während ihrer gesamten Arbeit akribisch mit den Fallstricken der Geschichtsschreibung auseinander setzt und nur so ihrem selbstgestellten Anspruch, der Macht und Historiographie auf den Grund zu gehen, gerecht werden kann.
„Christen, Muslime und der Erste Kreuzzug“ ist schriftstellerisch beeindruckend gut durchdacht und modern. So benutzt Kristin Skottki nicht unreflektiert das generelle Maskulinum, sie erklärt dem Leser ihre Entscheidung. Laien dürften mit der Lektüre  zu kämpfen haben, Skottki richtet sich an ein Publikum, das wissenschaftliche Texte gewöhnt ist.


Maren hingegen hat sich an den Leitfäden zu wissenschaftlichen Rezensionen orientiert und einen zwar längeren, aber durchaus lesenswerten Beitrag verfasst:

Der Titel der Monographie Kristin Skottkis ist gut gewählt: Christen, Muslime und der Erste Kreuzzug. Die Macht der Beschreibung in der mittelalterlichen und modernen Historiographie. Gleich der erste Satz der Einleitung ist Programm: „Geschichte schreiben in der Postmoderne ist ein schwieriges Unterfangen.” (S. 11)

Diese Aussage ist Ergebnis eines außerordentlich arbeitsreichen und sicherlich auch schmerzhaften Erkenntnisprozesses, auf dessen Grundlage die Autorin fordert, die zeitgenössische, ebenso wie die eigene Forschung auf ihre Standortgebundenheit sowie auf ihre Metaebenen hin zu überprüfen. Die Beschäftigung mit dem Thema der Begegnung zwischen Christen und Muslime, so merkt Skottki an, ist zunächst an einen emotionalen und tagespolitischen Kontext gebunden. Dies kann den Historiker dazu verleiten, seine Quellen nach Erklärungen für aktuelle Ereignisse zu befragen.

Im Laufe ihrer Recherchen stellte Skottki fest, dass die Repräsentation des Orients und der Muslime, beziehungsweise die Darstellung des Anderen, in den Kreuzzugschroniken auf eine noch ganz andere, grundlegendere Problematik der Geschichtswissenschaft verweist: „Wie funktioniert überhaupt mittelalterliche Geschichtsschreibung […]?“ (S. 15) Von dieser Frage ausgehend hinterfragt sie Selbstverständnis, Konzepte und Methoden der modernen Geschichtswissenschaft selbst.

Skottki weist darauf hin, dass sich gerade die historisch-kritische Methode und die damit angestrebte Unterscheidung von Fakten und Fiktion in Quellen im Umgang mit den Texten als hinderlich darstellte.  Das Medium Historiographie als Text, so argumentiert sie mit den Erkenntnissen der Literaturwissenschaft ganz richtig, unterliegt einer narrativen Gestaltung. „Die Darstellungen in den Chroniken sind Deutungen und Interpretationen dessen, was auf dem Kreuzzug geschah, und auch nur als solche sollte man sie verstehen.“ (S. 16) Ebenfalls in diesem Zusammenhang von Historikern oft übersehen ist ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem modernen Wahrheits- und Realitätsbegriff und der mittelalterlichen Auffassung von Wahrheit, die sich desgleichen in der narrativen Gestaltung niederschlägt. Auf dieses Problem geht Skottki am Beispiel mittelalterlicher Augenzeugenberichte und deren unterschiedlicher Bewertung durch Historiker und Mediävisten ausführlich ein.

Hiermit verweist die Autorin auf ein weiteres zentrales Problem, die vermeintliche Objektivität des Historikers. Diese zeigt sich auch heute noch immer wieder in einem unreflektierten Umgang mit den Quellen, ausgelöst durch die problematische Beziehung zwischen Analyse und Interpretation: jede Geschichtsschreibung ist zugleich Geschichtsdeutung. So ist der „Historiker, der mit Hilfe der Quellen Geschichtsforschung betreibt, […] dabei von den Diskursen und Ideologien seiner eigenen Zeit geprägt, sodass auch seine Deutung zeitbedingt und damit historisierbar ist“ (S. 13).

Folgende Thesen stellt Kristin Skottki im Zuge ihrer Ausführungen in der Einleitung der Studie  auf:

  1. „[…] die Imaginationen vom Mittelalter [stehen] stets relational im Verhältnis zur Gegenwart derer, die über diese Zeit schreiben und sie erforschen.“ (S. 12)
  2. „Die Darstellungen in den Chroniken sind Deutungen und Interpretationen dessen, was auf dem Kreuzzug geschah.“; „[…] diese Deutungen [bilden] selbst einen Teil der historischen Realität […], die nicht mit dem übereinstimmen muss, was man gemeinhin unter historischer Realität zu fassen meint: die tatsächlichen Ereignisse, die ‚Fakten‘.“ (S. 16)
  3. „Identität und Alterität [sind] ebenso Zuschreibungen […] wie ‚Kultur‘, mit deren Hilfe Menschen klassifiziert werden, und die der Gruppe, beziehungsweise den Individuen, die diese Zuschreibungen vornehmen, die ‚Macht der Beschreibung‘, die Macht der Repräsentation verleihen.“ (S. 18)

Detailliert, begründet und nachvollziehbar widmet sich Kristin Skottki in der vorliegenden Arbeit dem Aufzeigen neuer Perspektiven und Lösungsansätze für die Geschichtswissenschaft. Diese werden nicht zuletzt durch die Anwendung von Arbeitsweisen und Ergebnissen vor allem der Literaturwissenschaft ermöglicht. Sie schafft damit eine schon lange notwendige methodische Grundlage, mithilfe derer theoretische Erkenntnisse von Geschichts- und Literaturwissenschaft verbunden und die mit der institutionellen Fächerkultur zusammenhängende Trennung in „Zuständigkeitsbereiche“ zugunsten der Erforschung historischer Phänomene überwunden werden kann.

Die Studie ist klar gegliedert und folgt einem logischen, durchdachten Aufbau. Die in der Einleitung angesprochenen drei Problemfelder werden umfassend beleuchtet, was etwa die erste Hälfte des Bandes in Anspruch nimmt.

Erstes Problemfeld: Von Räumen und Zeiten. Orientalismus, Okzidentalismus, Mediävalismus. Skottki widmet sich in diesem Kapitel der kritischen Hinterfragung der Ebenen der Essentialisierung, welche die Beschäftigung mit den Kreuzzügen prägen. Hierbei stehen die Konstrukte Orient („islamische Welt“) und Okzident („Westen“) sowie Mittelalter und Moderne beziehungsweise Postmoderne im Mittelpunkt der Betrachtungen, ebenso wie die Gleichsetzung von Kultur und Religion.

Zweites Problemfeld: Die Entdeckung des „Anderen“ aus dem Geist der Kreuzzüge? Gemeint ist hiermit „die Beziehung zwischen den Kreuzzügen und der Entwicklung des Islambildes des mittelalterlichen Abendlandes“ (S. 75). Skottki beleuchtet den Einfluss religiös legitimierter Gewalt auf die Interpretation der Kreuzzüge seit dem 20. Jahrhundert. Darauf aufbauend hinterfragt sie kritisch den Wissenschaftsdiskurs zum „Islambild des Mittelalters“, um dann das Verhältnis von Wahrnehmung und Darstellung der Kreuzzüge in der mittelalterlichen lateinischen Historiographie zu problematisieren.

Drittes Problemfeld: Textuelle Repräsentation und mittelalterliche Historiographie. Diesen Abschnitt habe ich mit sehr viel Interesse gelesen, weshalb die Ausführungen dazu im Folgenden länger ausfallen. Die von Skottki angesprochene Problematik der institutionalisierten Unvereinbarkeit der Fächer Geschichtswissenschaft und Literaturwissenschaft begegnet einem tagtäglich in der Lehre. So wird gerade dort die Inkompatibilität der Erkenntnisse und die Aufteilung der Textzeugnisse in historische Quellen und literarische Texte regelmäßig vermittelt. Dennoch habe ich als Mediävistin mit geschichtswissenschaftlichem Hintergrund immer von den Arbeitsweisen und Kenntnissen aus der jeweils anderen Wissenschaft profitieren können. Nicht zuletzt untersuchen sie denselben Gegenstand – nur aus unterschiedlichen, einander ergänzenden Perspektiven. Bedauerlicherweise sind diese Unvereinbarkeiten weder in der Lehre noch in der Fachliteratur  konsequent zu überwinden versucht worden, von wenigen Ausnahmen abgesehen, welche von Skottki weitgehend abgedeckt werden, noch wurde bisher eine methodische Grundlage zu diesem Zweck erarbeitet.

Im ersten Abschnitt des Kapitels gibt Skottki zunächst einen wissenschafts-geschichtlichen Überblick zum klassischen Umgang mit „Quellen“ in der Geschichtswissenschaft. Von der Frage ausgehend, warum „ausgerechnet die moderne, kritische und wissenschaftliche Geschichtsforschung des 19. Jahrhunderts“ (S. 176) von der Suche nach dem Ursprung umgetrieben wurde, benennt sie im zweiten Abschnitt die Implikationen, welche den rezenten Umgang mit historischen Texten noch immer erschweren. Auch hier gibt sie eine wissenschaftsgeschichtliche Übersicht. Diese reicht von der Edition des ersten Normaltexts von Kreuzzugsdarstellungen durch Jaques Bongars im Jahr 1611 über die Untersuchung der Abhängigkeiten der Chroniken untereinander durch Leopold von Ranke, die erste quellenkritische Geschichtsdarstellung zum Kreuzzug durch Heinrich von Sybel 1841, hin zur Frage nach Authentizität und Originalität der Kreuzzugshandschriften Gesta Francorum et alienorum Hierosolymitanorum (GF) und Paris, BNF Ms. Lat. 4892 (PT). Diese Frage beschäftigt die Geschichtswissenschaft seit dem 17. Jahrhundert bis heute, ohne dass sie zu einem befriedigenden Ergebnis gekommen wäre.

Sowohl die Suche nach dem Urtext als auch die Suche nach dem Autor, wie die Geschichtswissenschaft sie betreibt, lassen Umstände des mittelalterlichen Produktionsprozesses ebenso wie die Verwendung literarischer Konstrukte und Strategien (wie Autor und Augenzeugenschaft) sowie das mittelalterliche Verständnis von Wahrheit außer Acht. Diese sind lange schon Gegenstand der literaturwissenschaftlichen Forschung. Skottki widmet dem Aufzeigen der Erkenntnisse der Literaturwissenschaft und den Möglichkeiten ihrer Anwendung auf geschichtswissenschaftliche Probleme viel Raum, ohne den Untersuchungsgegenstand Kreuzzugschronik aus den Augen zu verlieren.

Der Analyse der Chroniken wendet Kristin Skottki sich im Anschluss ebenso ausführlich auf Grundlage der zuvor erarbeiteten Methodik zu. Untersucht werden die theologische Verortung des Kreuzzugs, die narrativen Muster der Darstellungen und deren Auswirkungen auf die Kontakte mit den Muslimen sowie auf die Darstellung der Muslime selbst hinsichtlich ihrer religiösen Identität sieben ausgewählter Kreuzzugschroniken, darunter die Gesta francorum des Anonymus, die Historia Hierosolymitana Fulchers von Chartre und die Historia Hierosolymitana Robert von Reims.

Skottki schafft mit ihrer Arbeit neue Impulse vor allem für die Geschichtswissenschaft, sowie eine methodische Grundlage, wie sie schon lange ein Desiderat der Forschung ist, und an der zu orientieren und auf der aufzubauen sich in jedem Fall lohnt.


Quelle:
Kristin Skottki: Christen, Muslime und der Erste Kreuzzug. Die Macht der Beschreibung in der mittelalterlichen und modernen Historiographie, Münster und New York: Waxmann 2015.

Advertisements

3 Kommentare zu „Kristin Skottki: Christen, Muslime und der Erste Kreuzzug

  1. Ursprünglich habe ich ich mich über den Beitrag sehr gefreut da mich das Thema total interessiert, nach dem ich aber diesen Text durchgeackert habe weiß ich nicht mal mehr, ob ich mir das Buch durchlesen würde :D. Ich weiß ja nicht welche Ansprüche ihr erfüllt, aber ich finde den text total schwer verdaulich. es ist zwar sehr informativ aber ich persönlich finde einen eher lockeren stil ansprechender. Das ist ja nur meine subjektive meinung, aber wieso bleibt ihr nicht auf eurem kurs und lasst dieses „fachliche geplänkel“ weg?

    Gefällt mir

    1. Ich finde die Idee eigentlich sehr gelungen, Rezensionen unterschiedlicher Ansprüche quasi nebeneinander zu stellen. Es handelt sich letztlich um eine wissenschaftliche Publikation, die andere Rezensionsformen erfordert als etwa Belletristik. Von mir also ein: Weiter so!

      Gefällt mir

      1. Hallo, vielen Dank für eure Meinungen! 🙂
        Wir wollten verschiedene Arten von Rezensionen zeigen und nebeneinander stellen. Jedoch bin ich persönlich nicht davon überzeugt, dass eine bestimmte Literaturform nur auf eine Art rezensiert werden darf. Ich denke der Post drückt den Konflikt gut aus.

        Gefällt mir

Bitte hier kommentieren

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s