Allgemein

Momentaufnahme

Heute ereilte mich ein Anflug von Romantik, deswegen würde ich euch gerne ein großartiges musikalisches Werk vorstellen. Der Komponist, Sänger und Autor Alexander Spreng (ASP) erschuf 2008 das Akustikalbum „Zaubererbruder – Ein Krabat Liederzyklus„, das sich inhaltlich an den Roman von Otfried Preußler hält. Und obwohl das ganze Werk absolut hörenswert ist, stelle ich euch ein ganz bestimtes Lied daraus vor. Ein melancholisches, trauriges und romantisches Lied, das mich ganz stark an eine hochmittelalterliche Liedertradition erinnert: das Tagelied.

Vor kurzem fiel mir das Reclamheft ‚Tagelieder des deutschen Mittelalters‘ in die Hände. Dort finden sich neben einer Einleitung in das Thema einige Lieder von Wolfram von Eschenbach, Ulrich von Lichtenstein, Walther von der Vogelweide, Oswald von Wolkenstein und viele mehr.

„Tagelieder poetisieren den Schmerz, den ein Liebespaar empfindet, das nach der nächtlichen Vereinigung bei Tagesanbruch voneinander Abschied nehmen muß“, schreibt Alois Wolf in der Einleitung. Und genau dies ist das Thema in Alexander Sprengers Lied „Mein Herz erkennt dich immer“. Eine Tradition, die es schon seit hunderten von Jahren gab und wohl immer geben wird.

Hier stelle ich euch eines bekanntesten mittelhochdeutschen Beispiele 1170/80 vor:

Dietmar von Aist

Slâfest du, vriedel ziere?
Schläfst du noch, mein schöner Geliebter?

‚Slâfest du, vriedel ziere?
wan wecket uns leider schiere;
ein vogellîn sô wol getân
daz ist der linden an daz zwî gegân.‘
‚Schläfst du noch, mein schöner Geliebter? Man weckt uns leider bald. Ein hübscher kleiner Vogel hat sich bereits auf den Zweig der Linde gesetzt.‘

„Ich was vil sanfte entslâfen,
nu ruefestû, kint, wâfen.
liep âne leit mac niht sîn.
swaz dû gebiutest, daz leiste ich, vriundîn mîn.“
„Ich war sanft eingeschlafen, nun rufst du, Kind, ‚auf, auf!‘ Liebe ohne Leid kann es nicht geben. Was immer du befiehlst, das tue ich, meine Freundin.“

Diu vrouwe begunde weinen:
‚du rîtest hinnen und lâst mich eine.
wenne wilt du wider her zuo mir?
owê, du vüerest mîne vröide sant dir!‘
Die Dame begann zu weinen: ‚Du reitest fort und läßt mich alleine zurück. Wann wirst du wieder zu mir kommen? Ach, du nimmst mein Glück mit dir fort.‘

Die Abbildung von Dietmar von Aist bei der Ausübung der Minne in dem Codex Manesse, der Heidelberger Liederhandschrift, 64r. Quelle

Quelle: Reclams Universal-Bibliothek: Tagelieder des deutschen Mittelalters. Mittelhochdeutsch-Neuhochdeutsch, ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Martina Backes, mit einer Einleitung von Alois Wolf, Stuttgart: 1992.

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