Allgemein

Wulfstan – ein Reisebericht aus dem frühen Mittelalter

And ne bid ðǣr nǣnig ealo gebrowen mid Estum, ac þǣr bið medo genōh.

Und es gibt keine Bierbrauer zwischen den Esten, aber es gib genug Met. – Wulfstan

Dieser Artikel beruht auf einem Vortrag, den ich dieses Semester in einem Seminar an der Uni hielt. Für den quâtspreche habe ich ihn etwas überarbeitet. Da viele interessante Themen wärend der Vorbereitung des Vortrags zusammenkamen, werden wohl noch andere Beiträge zum Thema folgen.

Die Reise des Wulfstan ist ein großartiges Beispiel mittelalterlicher Reiseberichte. Die meisten dieser Berichte beziehen sich auf die Mittelmeerregion, nur die des Ohthere und Wulfstan hingegen sind etwas sehr Besonderes. Während Ohthere, ein reicher nordischer Händler des 9. Jahrhunderts, die norwegische Küste befährt, erhalten wir von Wulfstan einen gut beschrieben Reisebericht der südlichen Ostsee, von Haithabu (Schleswig-Holstein) bis Truso (Weichselmündung). Im gesamten Text gibt es keinen Hinweis darauf, wer Wulfstan war oder warum er die Reise antrat, jedoch gibt der Text einige andere Informationen preis.

Heute liegt das Originalmanuskript in der British Library.

Alfred der Große

Der Reisebericht Wulfstans wurde in einer ins Angelsächsische übersetzten Ausgabe von Orosius‘ historum adversum paganos („Geschichte gegen die Heiden“) gefunden. In diesem Text wird die christliche Welt des 4. Jahrhunderts beschrieben, welche die Gebiete nördlich der Alpen ausschließt. Es wird angenommen, Alfred der Große (848-899) habe einige lateinischen Texte in die Volkssprache übersetzt – unter anderem auch Orosius. Dies geschah im Rahmen einer Art Bildungsreform, inspiriert an der Karolingischen Renaissance Karls des Großen, die der König am Ende des 9. Jahrhunderts in England durchsetzte. Da Alfred nun jedoch nördlich der Alpen regierte und sich das Christentum seit dem 4. Jahrhundert bis dorthin ausgebreitet hatte, ließ er die Berichte von Ohthere und Wulfstan anfertigen und an die entsprechende Stelle in die historum adversum paganos einfügen. Hinweise auf Alfred liefert das ungewöhnliche Vorgehen, zu dieser Zeit volkssprachliche Übersetzungen anzufertigen, ebenso wie Wortschatz und Schrift (die angelsächsische Minuskel) der Übersetzung der bis heute ältesten Ausgabe. So konnte die Entstehung des Reiseberichts zwischen 892 und 925 datiert werden.

Auch der Name ‚Wulfstan‘ lässt sich eindeutig zuordnen. Obwohl erst die Anpassung eines nordischen Namens an die englische Sprache vermutet wurde, konnte dies nicht bestätigt werden. Die Vermutung liegt nahe, denn Wulfstan hätte gut aus dem nordischen Ulfsteinn abgeändert sein können. Es wurden aber nur Namen mit dem Anfang Ulf- und dem Ende -steinn gefunden, jedoch nie zusammen (außer Steinnulf). Doch im England des 8., 9., und 10. Jahrhunderts ist der Name ‚Wulftsan‘ in großer Zahl überliefert. Nicht nur Eltern nannten ihre Kinder so, es war auch möglich, sich selbst einen Namen zu geben oder ihn nach einer Taufe zu bekommen. Zu Zeiten Alfreds des Großen war es üblich, die ansässige ‚Heiden‘ zu taufen und ihnen neue, volkssprachliche Namen zu geben.

Der Reisebericht

Der Bericht lässt sich in zwei Teile unterscheiden. Im ersten Teil berichtet Wulfstan über eine Reiseroute mit Landschaftsbeobachtungen und Herrschaftskenntnissen und im zweiten Teil über die Kultur und einen Bestattungsritus der Esten.

Die Reiseroute ist nicht vollständig beschrieben, aber die erwähnten Landmarken sind nachvollziehbar. Zu jeder Beschreibung wird das jeweils dort ansässige Volk genannt und unter welcher Herrschaft es lebt. Auch sind viele der Landmarkierungen von der Route zu Wasser aus nicht sichtbar. Dies alles sind Extrainformationen, die dazu dienen, das Wissen der Zeit oder des Schreibers in den Text zu integrieren, was der Tradition eines Reiseberichts entspricht.

Anton Englert, der die Route mit einem Nachbau der Skuldelev 1 segelte, stellte die Vermutung auf, dass Wulfstans Reiseroute nicht ganz vollständig beschrieben sei. Aufgrund von überlieferten Handelsrouten ist dieser Verdacht berechtigt, kann aber nicht vollständig geklärt werden, da keine weiteren Nachweise oder Beschreibungen überliefert sind. Auffällig ist nur, dass Wulfstan in seinem Bericht weder Fehmarn, Hiddensee, Rügen oder das Kap Arkona erwähnt.

Anschließend erfahren wir durch Wulfstans Bericht mehr über das Volk, welches das Land hinter Truso besiedelt, dem Gebiet zwischen Weichsel und Memel, und welches er Esten nennt. Heute ist dieses Gebiet ehemals Ostpreußen und seit 2004 Teil Russlands, Polens und Litauens und archäologisch und historisch nicht leicht greifbar. Sicher können Grabfunde bis zum 8. Jahrhundert datiert werden und dann wieder ab dem 10. Jahrhundert. Die dazwischen liegende Kultur ist der Forschung bis heute ein Rätsel. Die Entstehung von Wulfstans Reisebericht fällt jedoch genau in diese Zeit. Es ist schwer zu sagen, wie alt diese Überlieferung ist oder wie genau er dem Ritus beiwohnte, jedoch ist sie sehr detailliert und wirft somit weitere Fragen auf.

Der Text

Übersetzt von Lisa Konkol

Wulfstan sagte, dass er von Haithabu segelte, dass er in sieben Tagen und Nächten nach Truso käme, dass das Boot die ganze Zeit Segel gesetzt hätte. Wendland lag auf der Steuerbordseite und Backbord lag Langeland und Lolland und Falster und Skane und diese Länder gehörten alle zu Dänemark.

Und dann lag das Land der Burgunder auf der Backbordseite und diese haben ihren eigenen König. Nach dem Land der Burgunden kamen Backbord diese Länder, welche erst Inseln der Bleckinge genannt wurden und Möre und Oland und Gotland, welche alle zu Svear gehören. Und Wendland war den ganzen Weg auf unserer Steuerbordseite bis zur Mündung der Weichsel.

Diese Weichsel ist ein sehr großer Fluss und sie trennt Witland und Wendland und dieses erwähnte Witland gehört den Esten und die Weichsel fließt aus dem Wendland und fließt in den Estensee [Frische Nehrung] und dieser Estensee ist dann 15 Meilen breit; dann kommt der Elbing von Osten in den Estensee, an dem Punkt, an dem Truso liegt, und an der Küste davor. Und diese fließen beide in den Estensee, der Elbing von Osten aus Estland und die Weichsel von Süden aus Wendland; und dann endet der Elbing mit dem Namen der Weichsel und fließt von dem Estensee westlich und nördlich in das Meer; darum nennt man es die Weichselmündung.

Das oben erwähnte Estland ist sehr groß und dort gibt es viele Städte [oder Befestigungen] und in jeder Stadt gibt es einen König. Und es gibt dort viel Honig und Fisch und der König und die stärksten Männer trinken Stutenmilch und die Armen und Sklaven trinken Met. Es gibt viel Streit zwischen ihnen. Und es gibt keine Bierbrauer zwischen den Esten, aber es gib genug Met.

Und es gibt zwischen den Esten den Brauch, dass wenn ein Mann stirbt, er unbestattet im Haus  liegt mit seinen Angehörigen und Freunden für einen Monat und manchmal für zwei. Und der König und andere hochrangigen Männer liegen dort länger, je mehr Reichtum sie besitzen. Manchmal liegen sie bis zu einem halben Jahr unbestattet auf dem Boden ihrer Häuser. Und die ganze Zeit über, in dem der Leichnam drinnen liegt, muss gefeiert und getrunken werden, bis der Tag seiner Bestattung kommt.

An dem Tag, an dem sie wünschen, ihn auf dem Scheiterhaufen zu bestatten, teilen sie sein Vermögen, alles was nach dem Feiern und Trinken übrig geblieben ist, in fünf oder sechs Teile auf, machmal in mehr, je nachdem wie viel er [der Tote] besaß. Dann legen sie es [das Vermögen] auf den Boden, den größten Teil etwa eine Meile von seinem Heim entfernt, dann den zweiten, den dritten und so weiter, bis alles in dieser Meile verteilt ist. Und der kleinste Teil muss am nächsten zum Behälter liegen, in dem der tote Mann liegt. Dann müssen alle Männer, die die schnellsten Pferde haben, etwa in fünf oder sechs Meilen von dem Vermögen entfernt zusammenkommen. Dann galoppieren sie alle zum Vermögen. Der schnellste Mann bekommt den größten Haufen; und so einer nach dem anderen, bis alles genommen wurde; und dieser bekommt den kleinsten Haufen des Vermögens, der am nächsten an dem Behälter vorbei galoppierte. Und dann reitet jeder seines Weges mit dem Vermögen und dieses wollen alle haben und darum sind die schnellen Pferde dort extrem teuer.

Und wenn sein Vermögen verteilt wurde, wird er [der Tote] hinaus getragen und mit seinen Waffen und seiner Kleidung verbrannt. Und gerade das meiste Vermögen wird verbraucht bei den Männern, die lange drinnen liegen und die an den Hauptstraßen liegen, wo Fremde vorbei galoppieren und es mitnehmen. Und dies ist ein Brauch der Esten, dass jeder [Mann] aus jeder Nationalität dort bestattet werden sollte und wenn ein einziger Knochen unverbrannt gefunden werden sollte, müssten sie es großzügig wieder gutmachen.

Quellen

  • Anton Englert/Athena Trakadas (Hrsg.), Wulfstan’s voyage: The Baltic Sea region in the early Viking Age as seen from shipboard. Maritime culture of the north 2 (Roskilde 2008).
  • Vytautas Kazakevičius (Hrsg.), Archaeologica Baltica 4 (Lithuania Institute for History 2000).
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