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In den letzten Wochen berichteten wir in zwei Teilen über die Wikingerausstellung, die bis zum 04. Januar in Berlin im Martin-Gropius-Bau zu Gast war. Im ersten Teil ging es um Handelsbeziehungen und Kontaktaustausch. Im zweiten Teil beschäftigten wir uns mit den Ausstellungsräumen zu Krieg und Waffen und der Tatsache, dass nicht alle immer der gleichen Meinung sein müssen und dies sogar förderlich ist.

Im dritten und letzten Teit geht es um Macht, Herrschaft und den Schiffsbau, und darum, was wir persönlich aus der Ausstellung an Erfahrung und Gedanken mitgenommen haben.

Macht und Herrschaft

Nach dem Abschnitt mit den Waffen ging es etwas gemächlicher zu. Die nächsten Räume waren besser organisiert, die Ausstellungsstücke waren oftmals besser zugänglich und der riesengroße Stein von Jelling war sehr imposant. Auch die Halle des Königs war sehr schön anzusehen mit den roten Wänden und dem Sparrengebilde, das leider etwas im Weg stand, aber sehr schön die Größe eines Palas darstellen konnte. Die großartigen kleinen Spielsteine eines Schachsets, die sogenannten Lewis Chessmen, haben mich am meisten gefesselt. Sie stammen aus Schottland im 12. Jahrhundert und spiegeln die Wahrnehmung kurz nach der Blütezeit der Wikinger wider: „Die Läufer im Spiel sind Wikinger. Wilde Kerle, die in ihre Schilde beißen und sich durch nichts aufhalten lassen“, sagte Matthias Wemhoff vom Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin im Interview mit dem spk-Magazin (Eberle, Seite 58). Abgesehen davon, dass ich sie sehr drollig finde, unterstützen sie doch das Bild, das leider schon die ganze Ausstellung über aufkommt, nämlich das von den mordenen Wilden.

Nachbildungen der Lewis Chessmen

Nachbildungen der Lewis Chessmen

Ich war nun fast am Ende des Rundgangs angelangt und vermisste zusehends Alltagsgegenstände. Es gab viel Schmuck und Silber, wunderschöne Gläser und riesengroße Fibeln. Dies ist sehr eindrucksvoll, doch bei vielen Schmuckstücken kann man sich kaum vorstellen, wie sie getragen wurden oder wozu sie genutzt wurden, denn es gab nirgendwo Hinweise darauf. Offensichtlich war es gegen das Konzept der Ausstellung, eine Grabsituation darzustellen und den Schmuck von Grabbeigaben und alltäglichem Zierrat zu trennen. Als ich einen Mitarbeiter danach fragte, sagte dieser nur, dass ja schon alle anderen Ausstellungen das machen würden. Außerdem wollten die Verantwortlichen dem Besucher nicht zu viel zumuten, indem sie ihm mehr über eine Kultur preisgaben, als dieser zu erfahren hoffte. Ich persönlich finde diese Aussage schlichtweg fehlerhaft. Statt dem Besucher zu präsentieren, was er schon weiß, könnte man dessen Wissenslücken füllen und ihm klar machen, dass gerade die Kultur der Wikinger sehr viel facettenreicher war, als es meistens dargestellt wird. ‚Kulturen in Kontakt‘ ist der Untertitel der Ausstellung, aber es wurden nicht alle Aspekte eines Kontaktaustauschs beleuchtet. Es fehlte mir der Hinweis, dass die Wikinger Schmuckteile und anderes von den verschiedenen Kulturen, mit denen sie Handel trieben, auch übernahmen, kauften oder tauschten.

Der Wandel der als Wikinger bezeichneten seefahrenden Krieger aus Skandinavien zu DEN Wikingern und ihre Vereinigung unter König Harald Blauzahn ist ebenfalls sehr verständlich dargestellt. Mit Blauzahn und seinem königlichen Anspruch änderten sich auch die Beziehungen der Wikinger zu anderen Kulturen. Nicht zuletzt waren der Übertritt Haralds zum Christentum und die daran anschließende Christianisierung der Wikinger auch in wirtschaftlichen Interessen des Königs begründet, verbesserten sie doch die Beziehungen zu den anderen christlichen Kulturen Europas – die christliche Ikonographie spielte nun eine immer größere Rolle im Kunsthandwerk der Wikinger.

Der Herrschaftsanspruch Haralds wird in der Ausstellung zunächst durch die monumentale Bauweise Jellings in Dänemark veranschaulicht, wie sie die Kultur der Wikinger bis dahin nicht kannte. Aber auch Luxusgüter spielten für die Repräsentation von Herrschaft und Gewalt eine große Rolle. Diesen war der letzte Raum der Ausstellung gewidmet: kostbare Buchbeschläge mit biblischen Themen, Kreuze und Schreine, Schmuck, Trachtbestandteile und das Festmahl als zentraler, repräsentativer Brauch zur Darstellung von Reichtum. Die letzten Exponate des Rundgangs waren Bestandteile des Schatzes von Hiddensee, einem beeindruckenden Beispiel der einzigartigen, repräsentativen Goldschmiedekunst des königlichen Hofes unter Harald Blauzahn.

Experimentelle Archäologie: Nachbau eines Wikingerschiffs

Bootsnachbau

Bootsnachbau bei den Wikingern in Berlin

Die letzten Räume waren für mich ein wirkliches Highlight. In einem baute ein Bootsbauer aus frischem Holz, Eisennägeln und Harz/Leim in historisch-traditioneller Art ein Boot nach. Nicht zum Anfassen, aber zum Ansehen und Staunen bestimmt. Der schwere aromatische Duft des frisch geschnittenen Holzes und Leims erfüllte den Raum und ließ mich erahnen, wie viel Faszination und Macht es auf die Wikinger im Frühmittelalter gehabt haben muss. (Ein ausführlicher Artikel über den Nachbau eines Wikingerbootes auf dem Blog vom British Museum hier.)

Nach dem Shop konnte man sich noch eine Dokumentation über eine Fahrt in einem nachgebauten Wikingerschiff ansehen. Leider konnte ich beobachten, wie wohl die meisten Besucher bei Betretung des Shops eine Art Erschöpfungszustand überfiel sowie das Gefühl, den Rundgang der Ausstellung beenden zu müssen, sodass nur wenige stehen blieben, um sich dieses Experiment genauer anzusehen. Das war wirklich sehr Schade, denn es zeigt mit großer Deutlichkeit wie mutig die Krieger in ihren Schiffen waren und wie schwer es gewesen sein muss über offene See zu fahren.

Spiegel Online hatte 2007 einen kurzen Bericht über einen Nachbau und eine Überfahrt veröffentlicht. Hier gibt es eine kleine Fotostrecke dazu zu sehen. Und hier gibt es sogar ein sehr schönes Video zu sehen, wie dieses Schiff gerudert und gesegelt wird.

Auch diesen Bericht finde ich sehr schön. Hier kann man einzelne Bauschritte gut verfolgen.

Fazit

Die Wikinger Katalog

Der Ausstellungskatalog

Und so bleibe ich mit gemischten Gefühlen zurück. Der Katalog der Ausstellung ist um einiges besser, als ich gedacht habe – und um einiges besser als die Ausstellung, auch wenn die Direktoren im Vorwort für meinen Geschmack etwas dick auftragen. Und auch dort wird der gesamte Teil der häuslichen alltäglichen Kultur weggelassen, was ich unglaublich schade finde, denn für mich persönlich ist es der Teil, der Kulturen belebt, der sie dem Betrachter näher bringt, der verbindet. Erst im Nachhinein sagte Maren mir, dass es in dieser Ausstellung nur um den Kulturaustausch ging. Dies habe ich bei beiden Museumsbesuchen nicht gesehen und auch nicht wahrgenommen, obwohl ich wirklich danach Ausschau gehalten habe. Ist meine Kritik zu streng? Möglichweise, da ich mich viel mit dem Thema beschäftige, und obwohl ich mit der Ausführung der Ausstellung nicht ganz zufrieden bin, fand ich es trotzdem toll, dass es sie gegeben hat. (Lisa)

Alles in allem ist die Wikingerausstellung eine der am besten umgesetzten Ausstellungen, die ich seit langem gesehen habe. Der im Fokus stehende kulturelle Kontakt zwischen Wikingern und den verschiedenen Kulturen Europas und darüber hinaus wird, ebenso wie seine Entwicklung und sein Wandel, hervorragend dargestellt. Gewalt stellte einen Aspekt dieses Kontakts vor allem der Frühzeit dar. Dieser jedoch ist gut in die Ausstellung eingegliedert, ohne dass darauf ein besonderer Fokus gelegt würde.

Kurze aber präzise Texte helfen, die Ausstellungsstücke in Kontext zu setzen, und führen den Besucher am roten Faden chronologisch wie thematisch durch die Ausstellung. Sehr gefreut habe ich mich auch über die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des Personals.

Dass Handwerk und Alltagsgegenstände, sofern sie nicht maßgeblich zum kulturellen Kontakt beitrugen, ausgeklammert sind, halte ich im Rahmen dieser Ausstellung für konsequent und nachvollziehbar. Ich hatte ein paar sehr vergnügliche Stunden mit den Wikingern. (Maren)


Quellen:
Williams, Gareth und Peter Pentz und Matthias Wemhoff (Hrsg.): Die Wikinger. Ausstellungskatalog, Hirmer, München: 2014.
Eberle, Ute: Krieger für Sinn und Kommerz. In: Stiftung Preußischer Kulturbesitz: SPK Magazin. Ausgabe 2014, S. 54-59.

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