Museumsbesuch · Rezension

Wikinger in Berlin, zweiter Teil

Letzte Woche berichteten wir in einem ersten Teil über die Wikinger-Ausstellung, die bis zum 04. Januar in Berlin gezeigt wurde, zunächst über die Kontaktkulturen der Wikinger sowie deren Handelsbeziehungen. Womit wir zunächst nicht gerechnet hatten war, dass unsere unterschiedlichen Ansichten dabei allmählich immer mehr in den Vordergrund rücken würden. Am deutlichsten äußerte sich das im Zusammenhang mit dem Massengrab von Weymouth in England.

An diesem gingen unsere Meinungen stark auseinander. Es stellte sich die Frage, was für die Darstellung der Wikinger und ihrer Kontakte mit anderen Völkern  notwendig ist, und was Sensationshascherei? Welchen Blickwinkel  sollte eine solche Präsentation überhaupt einnehmen – objektiv/neutral, positiv oder negativ, wenn wir schon dabei sind, und was macht den jeweiligen Standpunkt überhaupt aus, bzw. welche Art der Darstellung hat welchen Effekt? Was ist die Intention der Aussteller und kann die Konzeption der Ausstellung am Ende diese vermitteln? Dennoch ist es letztendlich immer eine Frage der Interpretation, denn jeder Besucher nimmt das Ausgestellte auf seine Weise wahr; der eine liest jeden Text, sieht sich aber nicht jedes Ausstellungsstück an, der andere betrachtet jedes Ausstellungstück genau, liest aber keinen der beschreibenden Texte…

Wie bereits im ersten Teil unseres Berichts über die Ausstellung soll an dieser Stelle noch einmal festgehalten werden, dass unterschiedliche Perspektiven und die daraus resultierenden unterschiedlichen Meinungen die Forschung vorantreiben. Uneinigkeiten zwingen uns, uns aus unserer Komfortzone heraus zu begeben und uns mit einem Thema aus einer neuen Perspektive heraus zu beschäftigen. Wichtigste Voraussetzungen sind Kommunikation sowie (logisch nachvollziehbare) Argumentation. Unsere Auseinandersetzung mit diesen Themen  ist – im Rahmen der Wikingerausstellung – hiernach festgehalten. Nicht alle oben aufgeworfenen Fragen werden im Folgenden beantwortet werden. Sie stehen dennoch im Raum und werden an anderer Stelle wieder aufgenommen. Versprochen.


Ulfberht-Schwert. National Museum of Ireland, Dublin
Schwert mit Ulfberht-Schriftzug aus Irland. National Museum of Ireland, Dublin

Krieg und Eroberung: Das Massengrab von Weymouth, Dorset, England um 1000.

Nach dem Raum mit den Silberhort-Funden gelangte man in einen sehr spektakulären Raum. Es entpuppte sich als ein Massengrab von Wikingern und stieß mir sofort schlecht auf. Im Hintergrund lief in Dauerschleife ein kurzer Film, in dem nur Feuer und Kampflärm zu hören und sehen war. Es war sehr dunkel. In der Mitte, umringt von einer hüfthohen Mauer, waren in schrillen, bunten Farben eine Menge Skelette auf den Boden gemalt. In quietsch-pink und neon-grün lachten mir die Schemen der enthaupteten Wikinger-Skelette entgegen. Ich weiß, dass gerade die farbige Markierung eine Technik der Archäologie ist, um vor allem in Massengräbern etwas für Ordnung zu sorgen. Meiner Meinung nach ist dies aber bei einer Ausstellung in diesem Rahmen fehl am Platz. Die kräftigen Farben nehmen dem Thema den Ernst und das lustige Rate- und Suchspiel nach Rumpf und Kopf trägt noch dazu bei. Außerdem finde ich es geschmacklos, ein Wikinger-Massengrab zu zeigen, wenn doch die Ausstellung Interesse für diese Kultur schüren soll. Ja, dies zeigt eben auch das Risiko von Raubzügen und es ist auch wichtig darauf hinzuweisen. Aber ich finde, es unterstützt das Bild der ‚Wilden‘ wieder zu stark. Wenn das Thema der Ausstellung ‚Kulturen in Kontakt‘ war, hätte ich dafür lieber mehr von z.B. Handelsgütern erfahren oder von großen Handelsplätzen und -stätten (wie Haithabu) oder von Kulturgütern und Kulturaustausch. Stattdessen wurde doch wieder die Gewalt erwähnt, statt den Blick des Besuchers gezielt auf andere Themen als die altbekannten, zu richten.

An dieser Stelle weicht meine Einschätzung besonders stark von der Lisas ab. Bei den ausgestellten Skeletten handelt es sich um die Überreste von Männern, die, wie man annimmt, als Mannschaft eines Wikingerdrachenbootes an der Südküste Englands gelandet waren, um zu plündern. Wieder erhellt der erklärende Text den Zusammenhang. Nicht jeder Wikinger ging ausschließlich für Ruhm und schnellen Reichtum auf Raubzug. Vielen Männern blieb kaum eine andere Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt zu sichern. Sie waren jüngere Söhne, die nicht erbten, Invaliden, die keine andere Arbeit verrichten konnten, oder schlicht arm genug, dass sie an Raubzügen teilnahmen, um der Armut zu entkommen. Dieser Lebensweg war sehr riskant, wie ältere, verheilte Verletzungen an den Skeletten der Männer belegen. In diesem Fall endete die Fahrt mit dem Tod – nicht aber im Kampf, sondern mit einer Hinrichtung. Die Männer wurden enthauptet, ihre Körper in die Grube geworfen, die Schädel jedoch sorgsam am Rande der Grube aufgestapelt.

Im Fokus der Ausstellung steht der Kontakt der Wikinger mit anderen Kulturen, worauf der oben erwähnte Zusatz des Ausstellungstitels, „Kulturen in Kontakt“, hinweist. Diesen, zugegebenermaßen brutalen Aspekt dieses Kontakts in der Ausstellung auszuklammern, hieße, auf wissenschaftliche Objektivität und vollständige Darstellung zu verzichten. Dennoch muss, um die Objektivität zu wahren, gleichermaßen eine potenzielle Verherrlichung dieses Aspekts vermieden werden.

Die Aussteller haben dies sehr geschickt bewerkstelligt. Wenn auch Raubzüge und Plünderungen, Mord und Vergewaltigung (durch die Wikinger) zum Leben der Wikinger gehörten, wird dieser Aspekt hier keinesfalls verherrlicht, sondern vielmehr durch einen Perspektivwechsel in ein neues, ungewohnteres Licht gerückt. Dazu trägt bei, dass der außergewöhnliche Befund dieses Massengrabes von den Ausstellern in einen größeren, sozialen Zusammenhang (Notwendigkeit der Sicherung des Lebensunterhalts) eingefügt und gleichzeitig die Wehrhaftigkeit der Bevölkerung des überfallenen Ortes (Hinrichtung der Piraten) veranschaulicht wird.

Die Einfärbung der Skelette dient dabei der Differenzierung der einzelnen Körper, wobei jedem Skelett und dem dazugehörigen Schädel eine Farbe zugeordnet wurde. Ist der Verbund des Körpers nicht mehr gegeben, wie hier durch die Enthauptungen und die Skelettierung der Körper durch Verwesung, lässt sich durch die farbige Markierung zudem die Reihenfolge, in der die Körper in die Grube gelangten, also die Abfolge des Ereignisses oder des Tathergangs leichter nachvollziehen und rekonstruieren. (Auch andere komplexe, übereinanderliegende Strukturen werden aus demselben Grund auf diese Weise markiert, wie z.B. die Überreste von zusammengefallenen Holzkonstruktionen wie Brücken und Gebäude.)

Ebenfalls gut durchdacht war, dass Besucher, die diesen Grabbefund nicht näher betrachten wollten (z.B. solche mit kleinen Kindern), dies auch nicht mussten. Der direkte Blick auf die Skelette wurde durch die Eintiefung und die undurchsichtige Umrandung in Nachbildung der Grabgrube verhindert, und der Besucher konnte vom Eingang dieses Raumes unmittelbar in den nächsten wechseln, da die Türen direkt nebeneinander lagen.

Ein ausführlicher Artikel des Blogs des British Museum über die Ausgrabungen in Weymouth und weiterführende Links hier.

Schwerter, Äxte, Pfeil und Bogen

Der Waffenraum war die nächste Station. Ein Mitarbeiter erklärte mir, dass sehr bewusst kleine Schaufenster gewählt wurden, damit die einzelnen Stücke auch einzeln betrachtet werden können und dadurch jedes für sich seine Schönheit und Exklusivität behielte. Dies ist ein sehr guter Ansatz. Doch die Ausführung war so grandios ungeschickt, dass ich etwas sprachlos und verwirrt den Raum verließ. Sobald mehr als 20 Menschen den Raum bevölkerten, wurde es sehr unübersichtlich. Entweder man ließ sich mit der Menge von Schaufenster zu Schaufenster treiben oder man quetschte sich zwischen Wand und Ausstellungskasten vorbei oder man verließ nach ein bis zwei Fenstern wieder den Raum. Es war kein Rundgang möglich: die Schaufenster stehen wie Bücherregale in einer Bibliothek in den Raum ragend und es musste immer vor und zurück vor die Fenster und in den nächsten Gang gelaufen werden. Nach kurzem verlor ich die Orientierung und wusste nicht mehr, ob es sich noch lohnen würde mich zum Ende des Raumes durchzukämpfen, oder ob ich die Waffen dort schon gesehen hatte. Also flüchtete ich, obwohl ich mich sehr für die Ulfberht-Schwerter interessierte und noch mehr für den Langbogen, zu dem ich mich doch noch durchdrängelte. Die von dem fränkischen Schmied „Ulfberht“ geschmiedeten Schwerter waren schon zu Entstehungszeit ein unglaubliches Markenzeichen und standen für hohe Qualität und gute Schmiedekunst. Ob Ulfberht der Schmied war, eine Gemeinschaft oder etwas anderes, ist nicht überliefert, jedoch waren die Schwerter so beliebt und so teuer, dass sie regelrecht als „Markenware“ gehandelt wurden. Es gibt sogar so miserabel gefertigte Modelle, dass die Forschung davon ausgeht, dass es Raubkopien sein könnten (Ausstellungskatalog, S. 104.). (Lisa)

Schwerter. National Museum of Ireland - Division of Archaeology, DublinSchwert. National Museum of Ireland - Division of Archaeology, DublinAxt. National Museum of Ireland - Division of Archaeology, Dublin

[Wikingerzeitliche Schwerter und Axt. National Museum of Ireland, Dublin]

Was den Aufbau im vierten, von Lisa als „Waffenraum“ bezeichneten Raum angeht, stimme ich ihr zu. Nun hatte ich das Glück, dass es zu dem Zeitpunkt, an dem ich in diesem Teil der Ausstellung angelangt war, schon recht leer war. Dennoch war der Abstand zwischen den Vitrinen so klein, dass es auch mit den wenigen anderen Besuchern schwierig wurde, um die Vitrinen (und die Besucher) herum zu manövrieren. Dabei war die Idee prima: Gleich am Eingang wurde auf dem Rücken der ersten Vitrine eine Einleitung in das Thema gegeben, man ging um die Vitrine herum, besah die Ausstellungsstücke, drehte sich um und hatte den nächsten Text vor Augen usw. Ein paar Vitrinen weniger hätten sicherlich Abhilfe verschafft; inwiefern das aber die Intention der Aussteller beeinträchtigt hätte, vermag ich nicht zu sagen. Schade war auch, und das durch die ganze Ausstellung hindurch, dass die Beschriftung und das entsprechende Ausstellungsstück oftmals an entgegengesetzten Enden der Vitrinen lagen, wie auch Lisa weiter oben bereits festgestellt hat. Es stellt sich die Frage, wieso das auf diese Weise gelöst wurde. Mir fällt jedenfalls kein Grund ein, Schildchen und Ausstellungsstücke nicht koordiniert von links nach rechts anzuordnen. Zudem wäre auf diese Weise wiederum ein Manövrieren um andere Besucher zu vermeiden gewesen.

Was mir in diesem Raum besonders positiv auffiel war, dass für die Schwerter auch die Typen nach Jan Petersen angegeben waren. Dieser hatte Anfang des 20. Jahrhunderts eine Typologie zur relativen Chronologie unter anderem der Schwerter der Wikingerzeit aufgestellt, d. h., ihre zeitliche Abfolge anhand typologischer Merkmale (gewissermaßen anhand der Mode, ihrer Ausprägung und Entwicklung) bestimmt. Die Arbeit Petersens zur Typologie der Schwerter der Wikingerzeit ist für deren Datierung grundlegend und wurde in der Folgezeit von anderen weiterentwickelt. Leider ist in Ausstellungen und Museen nicht immer, oder eher: fast nie die Typbezeichnung des ausgestellten Stücks vorhanden, würde aber sicherlich so manchem Archäologiestudenten das Erlernen der Typen erleichtern. (Maren)


In der Fortsetzung, Wikinger in Berlin, dritter Teil, berichten wir über den letzten Teil der Ausstellung. Darin beschäftigen wir uns mit dem Wandel der Wikingerkultur unter König Harald Blauzahn, mit Macht und Herrschaft und dem experimentellen Nachbau eines Wikingerschiffs.

Leider ist das Fotografieren im Martin-Gropius-Bau nicht erlaubt. Damit Ihr Euch aber dennoch das eine oder andere Bild von der Ausstellung machen könnt, haben wir die Fotos einige Fundbeispiele aus der Archäologieabteilung des National Museum of Ireland in Dublin beigefügt, die Lisa freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat –  dort ist das Fotografieren erlaubt.

Quellen:
Williams, Gareth und Peter Pentz und Matthias Wemhoff (Hrsg.): Die Wikinger. Ausstellungskatalog, Hirmer, München: 2014.
Eberle, Ute: Krieger für Sinn und Kommerz. In: Stiftung Preußischer Kulturbesitz: SPK Magazin. Ausgabe 2014, S. 54-59.

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