Museumsbesuch · Rezension

Wikinger in Berlin, erster Teil

Mit der Ausstellung „Die Wikinger“ zeigte der Martin-Gropius-Bau in Berlin bis zum 4. Januar 2015 wieder eine archäologische Ausstellung in großem Rahmen. Wir besuchten die Schau unabhängig voneinander und nahmen ebenso unterschiedliche Eindrücke mit, welche wir im Folgenden mit Euch teilen wollen.

Wie wir feststellten, waren diese unterschiedlichen Eindrücke zwar oft auf die unterschiedliche Besucherdichte bei unseren Besuchen in der Ausstellung und die daraus resultierende Sichtbarkeit der erklärenden Texte sowie die davon abhängige Aufmerksamkeit zurückzuführen, nicht aber in allen Fällen. Manchmal waren wir schlicht anderer Meinung. In der Forschung, wie auch sonst im Leben, gibt es nicht immer ein „richtig“ oder „falsch“. Es ist wichtig, offen für Diskussion zu sein und ebenso offen für Meinungen, die sich von der eigenen unterscheiden, sofern sie begründet sind und sich ein Nachweis führen lässt.

Dies zusammenzustellen nahm nicht nur Zeit, sondern ebenso viel Platz in Anspruch, weshalb wir uns entschieden haben, den Bericht zur Ausstellung in drei Teile zu unterteilen. Der erste Streich folgt sogleich…


Die Wikinger in Berlin. Ausstellung 2015
Vor dem Martin-Gropius-Bau

Vom 10. September 2014 bis 4. Januar 2015 ist die Ausstellung „Die Wikinger“ in Berlin zu Gast. Die Idee und die Ausführung der Ausstellung waren von Peter Pentz (vom Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen), Gareth Williams (vom British Museum in London) und Matthias Wemhoff (vom Museum für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Berlin) geplant. Die Ausstellung führt den Zusatz „Kulturen im Kontakt“ (Ausstellungskatalog, S. 7), und Königin Margrethe von Dänemark beschreibt sie als „größte internationale Ausstellung über die Wikinger“ (Ausstellungskatalog, S. 8). Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der SMB Matthias Wemhoff sagt sogar, dass diese Ausstellung eine „große Bereicherung“ sei und „die Weltsicht“ ändern würde (Ausstellungskatalog, S. 11).

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau hat einen durchwachsenen Eindruck bei mir hinterlassen. Ich bin zum einen sehr glücklich darüber, dass das Thema aufgegriffen wurde, dass sich viele Gedanken gemacht wurden, und dass viele schöne Stücke gezeigt werden konnten. Zum anderen bin ich maßlos enttäuscht über die verschenkte Möglichkeit, die Kultur der Wikinger nicht auf Reichtum, Macht und Gewalt zurückzubrechen (wie es meiner Meinung nach dargestellt ist), sondern sie in allen wunderschönen Facetten zu präsentieren. Denn die Wikinger waren so viel mehr.

Hierüber haben wir uns lange unterhalten. Wie kommt es, dass wir die Präsentation mit so unterschiedlichen Augen gesehen haben? Die Antwort war schnell gefunden. Während es beide Male, die Lisa in der Ausstellung war, brechend voll war, war es bei meinem Besuch zwar gut besucht, aber nicht als voll zu bezeichnen. (Ich war an Neujahr am späten Nachmittag dort, weil ich darauf gesetzt hatte, dass nur Wenige sich dazu entschließen würden, nach Silvester eine Ausstellung zu besuchen, und was sich bestätigte.)

Die erläuternden Texte waren kurz gehalten (was ich super finde, da ich mich schnell langweile, wenn diese zu lang geraten. In vollen Ausstellungen schwindet meine Geduld, lange Texte zu lesen, vollends, und ich gehe einfach daran vorbei), enthielten aber alle notwendigen Informationen, das Ausgestellte in Kontext zu stellen. Wegen der Menschenmassen waren Lisa einfach einige der Texte entgangen und damit der Kontext, in dem die Ausstellungsstücke gezeigt wurden.

Roskilde 6

Sie haben es geschafft, wirklich außergewöhnliche Stücke auszustellen wie das riesige Schiff, die Roskilde 6, das mit seiner neuen und eigenen Dynamik sehr imposant den Besucher empfängt. Mit dem großen, vertieftem Lichthof und den Holzstegen wirkt es auf den Besucher, als würde die Roskilde an einem Hafen, etwa Haithabu, angelegt haben. Durch die neuartige Metallkonstruktion, die keine Außenstützen benötigte, wirkte das imposante Schiff wie vollständig. Die Geräuschkulisse kam einem Markttreiben gleich.

Auch mich hat das Langschiff sehr beeindruckt. Es ist das erste, das der Besucher von der Ausstellung zu sehen bekommt, und mit seinen über 30 Metern Länge passte die Rekonstruktion nur diagonal in den Lichthof des Martin-Gropius-Baus, und das Segel füllte diesen beinahe bis unters Dach aus. Der Kiel war bei den Ausgrabungen in Roskilde, Dänemark, in seiner Länge fast vollständig erhalten geborgen worden, ebenso wie ein Teil der Beplankung. Diese waren in ein Metallgerüst (zu sehen hier) eingefügt, welches die nicht erhaltenen Teile des Schiffes andeutete, und von zwei an das Schiff heranführenden Stegen zu betrachten.

Kontakte und Austausch: Raubzüge und Handel

Ich folgte dem Rundgang und ließ mich mit der Masse treiben, versuchte an die Schaufenster zu gelangen.
Alle Ausstellungsstücke lagen in kleiner Menge in großen Glaskästen, die in neu errichteten Holzkästen eingelassen waren. Betrachtung der Stücke war wohl nur von einer Seite erwünscht. Mit der Beschriftung hatten einige Besucher Schwierigkeiten, denn die Erklärungen zu den einzelnen Stücken lag oft nicht in Sichtnähe. Langsam beschlich mich auch die Erkenntnis, dass gerade Laien ohne den teuren Audio-Guide aufgeschmissen sind, was Struktur und Erklärung der Räume und Schmuckstücke angeht.
Im ersten Raum streckte mir ein ausgestopfter Eisbär sein Gesicht entgegen. Da ich weiß, dass sie schon etwas mit der Kultur zu tun hatten, frage ich mich natürlich nun, ob auch die Besucher darüber informiert wurden.

Buckelfibeln. National Museum of Ireland - Division of Archaeology, Dublin
Beispiel zur Frauentracht: Paarig getragene Buckelfibeln und Glasperlenkette aus Irland. National Museum of Ireland – Division of Archaeology, Dublin

Ich persönlich finde es auch verwirrend, dass die Völker, die in diesem Raum dargestellt wurden, nicht die sind, mit denen die Wikinger Handel trieben, sondern die, aus denen sie sich zusammensetzen. Also es sind alles Länder, in denen Wikinger über Jahrhunderte siedelten, wo sie Handel trieben und sich mit anderen, meist ansässigen, Völkern vermischten. (Lisa)

Vom Lichthof, der neben der Roskilde 6 auch einen Überblick über die große Reichweite der Wikingerkultur bot, welche die Wikinger dank ihrer hochentwickelten Schiffsbaukunst erreicht hatten, wurde man in den ersten Raum des Rundgangs geleitet. Dieser war entlang der Wände in Boxen eingeteilt  und den wichtigsten Kontaktkulturen der Wikinger gewidmet: Grönland (als Quelle für Walrosselfenbein und Tierfelle – deshalb der Eisbär) , Osteuropa, West- und Mitteleuropa, England, Skandinavien – alle durch kulturell und regional repräsentative Funde und Trachtbestandteile vertreten.

Dass neben den Raubzügen vor allem in der Frühzeit der Wikinger  allmählich auch der Handel eine immer größere Rolle spielte, wurde im zweiten Raum des Rundgangs gezeigt. Silber war das beliebteste und wichtigste Zahlungsmittel der Wikinger, wie verschiedene Silberhortfunde, aber auch Waagenfunde belegen. Zwar prägten die Wikinger Münzen, der Handels- und Tauschwert des Silbers war jedoch viel verlässlicher durch sein Gewicht zu bestimmen und zu kontrollieren, weshalb Waagen das wichtigste Werkzeug des Händlers waren und diesen sogar mit ins Grab gegeben wurden. (Maren)


Ein weiterer Aspekt des Kontakts zwischen Wikingern und den anderen Völkern in Europa wurde im daran anschließenden Raum beleuchtet. Neben dem Kontakt durch Handel stehen die Raubfahrten der Wikinger, welche einen bedeutenden Teil dieser Kultur ausmachten. Nicht immer aber waren diese Überfälle nur für die Überfallenen verhängnisvoll.

In der Fortsetzung Wikinger in Berlin, zweiter Teil berichten wir über das Massengrab von Weymouth, zu dessen Ausstellung wir sehr unterschiedlicher Ansicht waren, sowie über Schwerter, Äxte, Pfeil und Bogen.

Leider ist das Fotografieren im Martin-Gropius-Bau nicht erlaubt. Damit Ihr Euch aber dennoch das eine oder andere Bild von der Ausstellung machen könnt, haben wir die Fotos einige Fundbeispiele aus der Archäologieabteilung des National Museum of Ireland in Dublin beigefügt, die Lisa freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat –  dort ist das Fotografieren erlaubt.

Quellen:
Williams, Gareth und Peter Pentz und Matthias Wemhoff (Hrsg.): Die Wikinger. Ausstellungskatalog, Hirmer, München: 2014.
Eberle, Ute: Krieger für Sinn und Kommerz. In: Stiftung Preußischer Kulturbesitz: SPK Magazin. Ausgabe 2014, S. 54-59.

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